Gemeinsam berufliche Zukunft gestalten

Ungarische Berufschullehrer besuchen GST

 

Szeretettel Üdvözöljük!

Herzlich Willkommen. Ein Plakat vor Raum 107 signalisiert, dass heute etwas anders ist als normalerweise. Eine zwanzigköpfige Delegation aus ungarischen Berufsschulen besucht am Donnerstag, 25. Oktober, die Gewerbliche Schule in Tübingen. Mit dabei sind neun Deutschlehrer und neun Fachlehrer aus den Bereichen Elektro und Metall. Sie informieren sich über unser Duales Ausbildungssystem. Während die Deutschlehrer eine Unterrichtsstunde in meiner VAB-Klasse erleben, besuchen die Fachlehrer Fachunterricht in der Werkstatt. Anschließend gibt es viele Fragen. „Gibt es politische Vorgaben für Sie“, will ein ungarischer Kollege wissen. „Müssen Sie eine Quote erfüllen?“. Als ich verblüfft verneine, seufzt er. „Da haben Sie Glück.“ Zum Abschluss steht Schulleiter Gunnar Huste den Gästen Rede und Antwort, die Fragen drehen sich um das Gehalt der Lehrer in Deutschland und um die wirtschaftlichen Aussichten der Schüler. Zum Abschluss gibt es ein gemeinsames Mittagessen in der Kantine der Firma Erbe, ehe die Gruppe die Firma Horn besucht.

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„Wir haben gut sehen können, wie das Duale Ausbildungssystem funktioniert. Das war faszinierend,“ sagt Fruzsina Bokor, die als Beauftragte für Bildungskooperation Deutsch am Goethe-Institut in Budapest arbeitet und die die Gruppe begleitet hat. „In Ungarn ist das Berufliche Schulwesen verschulter“. Die Ausbildung finde an der Schule statt, anschließend bewerbe sich der Schüler bei einem Betrieb. Zwar gebe es Praktika, aber das Verhältnis sei umgekehrt wie in Deutschland. Bei der Auswahl der Lehrer hat Bokor besonders auf die Lage der Schulen geachtet: z.B. aus Debrecen, mit 200.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Landes, und neuerdings ein wichtiger Ort deutscher Industrieinvestitionen, wurden bevorzugt Lehrer berücksichtigt.

 

Aus den Schulen konnten sich Tandems aus Sprachlehrern und Fachlehrern bewerben, die dann gemeinsam eine Woche an der Esslinger Akademie für Lehrerfortbildung untergebracht waren. Dadurch hatte jeder Fachlehrer einen persönlichen Dolmetscher bei sich. Organisiert wurde die Reise zum dritten Mal vom baden-württembergischen Kultusministerium. Die ungarischen Lehrer erhielten zunächst eine zweitägige Theoriefortbildung über das deutsche Berufsschulwesen, ehe dann Praxisbesuche anstanden, neben Tübingen auch in Esslingen. Simon Bombera, Referent an der Esslinger Landesakademie für Fortbildung und Personalentwicklung an Schulen, führt das große Interesse der Lehrer an der Fortbildung auch darauf zurück, dass in Ungarn jeder Lehrer Fortbildungsstunden vorweisen müsse. Mit dieser einwöchigen Fortbildung könnten viele bereits ihr verlangtes Budget abdecken.

 „Auch in Ungarn gibt es derzeit einen Lehrermangel und viele Kollegen beklagen die hohe Arbeitsbelastung“, sagt Fruzsina Bokor. In den letzten Jahren hat sich in unserem Schulsystem viel verändert. Im nächsten Jahr solle es einen neuen nationalen Grundlehrplan geben, der auch den Sprachunterricht an Schulen beeinflussen wird. Deutsch sei zwar weiterhin eine wichtige Sprache in Ungarn, aber vor allem in den Großstädten sei es längst von Englisch auf die zweite Stelle verwiesen worden.

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